Innere Ruhe in Zeiten globaler Verunsicherung – ist das überhaupt möglich?

Über den Wert von Achtsamkeit in Krisensituationen
Von Dr. Sven Lohrey

Während um uns herum langsam der Frühling erwacht, finden wir uns in einer Welt wieder, die quasi über Nacht in Aufruhr geraten ist. Alltägliche Tätigkeiten wie der wöchentliche Einkauf werden mancherorts zum Abenteuer – haben wir endlich einen Parkplatz gefunden, stehen wir im Supermarkt vor geplünderten Regalen, in denen gestern noch Nudeln, Dosensuppen und Toilettenpapier standen. Zurück im Homeoffice, unserem neuen Arbeitsplatz auf unbestimmte Zeit, jonglieren wir mit Telefon, Skype, Zoom und anderen Tools, während sich ganze Organisationen neu ordnen, um den aktuellen Herausforderungen gerecht zu werden.

Währenddessen sitzt draußen im warmen Schein der Frühlingssonne eine Gestalt im Garten meines Nachbarn und schaut diesem Treiben zu – der „Gartenzwerg des 21. Jahrhunderts“, eine Buddhafigur. Völlig entspannt und ruhig, mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. So unbeeindruckt und friedlich sitzt da dieses Symbol der neuen Achtsamkeitsbewegung, dass man sich – konfrontiert mit Gefühlen wie Frustration, Ärger, Verunsicherung und Angst – zu Recht fragen kann, wie das denn bitte möglich sein soll, wenn man eben keine Figur aus Stein ist, sondern ein denkendes und fühlendes Wesen!

Achtsamkeit ist mittlerweile nicht einmal mehr ein Modewort, sondern Teil unseres normalen Sprachgebrauchs geworden. Fast täglich attestiert uns irgendeine neue Studie positive Auswirkungen einer regelmäßigen Achtsamkeitspraxis auf unsere körperliche, geistige und emotionale Gesundheit und unser Miteinander. Klingt erstmal super – warum praktizieren wir also nicht alle mehr Achtsamkeit?

Auf der Suche nach einer Antwort fällt mein Blick ins Bücherregal, auf ein über 400 Seiten dickes Buch namens „Gesund durch Meditation“, geschrieben von Jon Kabat-Zinn, einem der bedeutendsten Achtsamkeitslehrer unserer Zeit. Schon vor über 40 Jahren hat er das weltweit erfolgreichste Achtsamkeitsprogramm MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction; zu Deutsch: Stressbewältigung durch Achtsamkeit) entwickelt. Und dann erinnere ich mich an den englischen Titel dieses Buchs: „Full catastrophy living“ – die volle Katastrophe leben! Das klingt schon gar nicht mehr so entspannt und friedlich …

Hierin liegt für mich die Krux in unserer Beschäftigung mit Achtsamkeit. Kabat-Zinn beschreibt Achtsamkeit als eine bestimmte Art, aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenwärtigen Moment und ohne zu bewerten. Wir lesen in dieser Arbeitsdefinition nichts von Entspannung, innerer Ruhe und Positivität. In meiner Erfahrung sind es aber genau diese Erlebnisse, die Menschen erwarten, wenn sie sich das erste Mal achtsam ihrer Erfahrung zuwenden. Sie möchten erleben, was die Buddhafigur im Garten nebenan so anschaulich verkörpert und all die Studien ihnen versprechen – und begegnen stattdessen oft einem unruhigen und rastlosen Geist, einem aufgewühlten Wirrwarr von Gefühlen und den entsprechenden Körperempfindungen; der vollen Katastrophe eben.

Warum sollte ich mich also freiwillig dieser Art von Erfahrung zuwenden und sie so auch noch intensiver erleben als sonst? Nach fast 11 Jahren eigener Achtsamkeitspraxis ist die Antwort für mich klarer geworden: weil es keine sinnvolle Alternative gibt. Alles andere wäre Verdrängung, verbunden mit Widerstand und letztendlich noch mehr Katastrophe. Ich habe durch Achtsamkeit vor allem gelernt, mich nicht von meiner Erfahrung abzuwenden, so unangenehm sie auch sein mag, und stattdessen angenehmeren Erlebnissen hinterher zu hetzen – und genau davon profitiere ich jetzt ganz konkret.

Wenn ich mich jetzt hinsetze und meinem momentanen Erleben Raum gebe, kann auch ich Gefühle von Verunsicherung und Aufregung beobachten, die sich körperlich in einer flauen, engen Empfindung in der Magengegend und einem stärker als sonst klopfenden Herzen manifestieren. Bleibe ich länger mit Offenheit und Neugier bei meiner Erfahrung, bemerke ich aber auch eine Weite in der Herzgegend, die Tiefe meines Atems und weitere Emotionen – Zuversicht, Energie, Vertrauen. Vor allem nehme ich aber eines wahr: einen ständigen Wandel.

Was bemerken Sie, wenn Sie sich Ihrer Erfahrung mit Achtsamkeit zuwenden?

Mit freundlichen Grüßen,
Sven Lohrey

Über den Autor:

Dr. Sven Lohrey ist Wirtschaftspsychologe und Trainer, Moderator und Berater bei Neuland Partners for Development and Training. Dort bietet er seit 2018 auch vermehrt Seminare und Kurse zu den Themen Stressbewältigung und gesundem Führen an, in denen Achtsamkeit eine zentrale Rolle spielt. Die Praxis von Achtsamkeit und Meditation begleitet ihn seit 2009 und neben einer täglichen Meditationspraxis verbringt er jedes Jahr mehrere Wochen auf intensiven Retreats. Seine Ausbildung zum zertifizierten MBSR-Trainer absolvierte er am Odenwald-Institut unter der Leitung von Renate Kommert, Yeshe Brost und Gabi Junklewitz.



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