Agile Organisation – quo vadis? – Folge I

End-of-Hype-Cycle oder der hybride Weg zum Plateau der Produktivität

Neuland Development & Training wollte von zwei Experten aus der Unternehmensberatung und der empirischen Forschung wissen, welches die aktuell drängendsten Fragen und Bedürfnisse ihrer Unternehmenskunden sind. Thomas Heupel und Prof. Dr. Ayelt Komus beleuchteten im Gespräch mit Claudine Heinz die unterschiedlichen Facetten des Themas Agile Organisation – quo vadis? Wohin zeigen die Agile-Trends aus der empirischen Forschung? Wo liegen die großen Management-Herausforderungen? Welche grundsätzlichen Fragen und Lösungsansätze zeigen sich in der Beratungspraxis?  

–> In drei Folgen zu „Agile Organisation – quo vadis?“ erfahren Sie in den kommenden Wochen, wie die beiden Experten Agile in der Managementpraxis von Unternehmen einschätzen.  

Folge I: Status Quo von Agile in Unternehmen 

Wie erleben Sie den Status Quo von Agile in der Beratungspraxis? 

Komus: Die Diskussionen in Unternehmen drehen sich nicht mehr darum, ob Agile funktioniert, sondern es gilt grundsätzlich: Agile ist gekommen, um zu bleiben, ist aber kein Wundermittel, das alle Probleme auf einmal löst. In dieser Phase befinden sich die meisten Unternehmen. Viele suchen darin eigene Wege für eine produktive und konstruktive Arbeitsweise.  

Heupel: Agile wurde ja häufig wie ein neues Softwaresystem eingeführt: Installation des neuen Systems, Schulung, allmähliches Reinfinden und Arbeiten damit. Für viele ist dieser Ansatz jedoch zunächst mal grandios gescheitert. Die Unternehmen analysieren nun intensiver, woran es liegt, schärfen nach, schulen ihre Führungskräfte. Das ist ein Ansatz.  

Ein weiterer Ansatz ist es, den agilen Instrumentenkasten zunächst in die Ecke zu stellen und sich mit rein inhaltlichen Fragen auseinanderzusetzen, wie z.B. der Neugestaltung eines Auftragszentrums. Hier können Elemente aus dem agilen Baukastensystem helfen, um Lösungen für Verbesserungen zu erkunden. Dann wird Agile produktiv einsetzbar und erfahrbar.  

Die Status Quo Agile-Studie 2020 zeigt, dass die Mehrheit der Unternehmen agile Methoden einsetzt. Was zeichnet sich in der Unternehmenspraxis ab? 

Komus: Wir sehen aus der Studie, die 2020 zum vierten Mal durchgeführt wurde, dass es immer schwerer wird Unternehmen zu finden, die keine agilen Elemente nutzen. Ob hybrid, selektiv oder vollständig, agile Arbeitsmethoden werden mittlerweile von einer großen Mehrheit durchweg akzeptiert und eingesetzt. Alle wollen nach dem anfänglichen Hype nun zielgerichtet ihren Weg zum so genannten Plateau der Produktivität finden. Gartner bezeichnet so das erstrebte Ziel eines Zyklus, den das Arbeiten mit Agile vom anfänglichen Hype durch das Tal der Tränen typischerweise durchläuft.

Agile – wo die Weisheit der Vielen gefragt ist

Entsprechend hat sich der Fokus stark verändert: Während man sich vor zehn Jahren noch in fast naiver Begeisterung schwindlig diskutieren konnte über Scrum und ob es sich dabei nicht nur um eine reine Softwaremethodik handelt, ob Teams ohne Führung funktionieren etc. etc., dreht sich jetzt alles darum, wie man Agile produktiv einsetzt. Wie nehmen wir Gedanken in kritischere Bereiche auf, wo die Weisheit der Vielen viel wichtiger ist, wo viel mehr Sorge herrscht, die Vernetzung mit dem operativen Geschäft zu verlieren. Themen wie agiles Portfoliomanagement, skalierte agile Methoden wie SAFeLeSS, Spotify beschäftigen die Unternehmen viel mehr. 

Wo sind agile Methoden aktuell gefragt?  

Heupel: Der Ansatz kommt mittlerweile meist aus der inhaltlichen Betrachtung und einer fachlichen Aufgabenstellung. Wenn ein Unternehmen beispielsweise erkennt, dass das Portfoliomanagement nicht mehr auf Basis des klassischen Jahresplans funktioniert. Dann steigen wir mit den Unternehmen in die Diskussion ein und helfen mit Ideen, die aus dem agilen Methodenkasten kommen, das Thema zu entwickeln. 

Ein Rezept gilt nicht für alle

Komus: Viele Unternehmen scheitern dann mit dem Einsatz neuer agiler Planungs-Frameworks, die einen Königsweg aus Agilität und Planbarkeit versprechen. Auch dieses – im Prinzip – wieder klassische Vorgehen wird für etwas schwer Planbares noch weniger absehbar. Klar ist: Alle Fragen müssen immer individuell betrachtet werden und lassen sich nicht mit Hilfe eines für alle gültigen Kochrezepts lösen. 

Wo wird die agile Praxis schon gelebt? – Agile Organisation – quo vadis? 

Komus: Software-orientierte oder Kreativ-Unternehmen saugen Agile wie einen Schwamm auf. Für sie gehört es einfach zum guten Stil. Im Mittelstand gibt es immer eine gewisse Agilität. Jedoch versteht man sie eher in dem vielleicht herkömmlichen Verständnis von Agilität. Man ist flexibel, reagiert und entscheidet schnell. Was aber häufig fehlt, ist ein Rahmen das zu systematisieren und voranzutreiben. Vielmehr hängt die Agilität von der jeweiligen Situation oder einer Einzelperson ab. Auch größere Fertigungsunternehmen tun sich teilweise sehr schwer damit. Sie haben mitunter komplexe Prozesse aufgebaut und gehen nach ihnen vor, ob erfolgreich oder nicht.  

Klassisch oder agil? Kritische Reflexion unerlässlich

Heupel: Sicherlich gibt es Anwendungsfelder, bei denen diese klassische Vorgehensweise gerechtfertigt ist. Was wir nicht sicher beurteilen können, ist die Frage, wie die Erfahrungen damit kritisch reflektiert werden. Unsere Wahrnehmung ist: In bestimmten Branchen-bezogenen Kontexten, zum Beispiel in stark Ingenieur-getriebenen Bereichen, wo man traditionell aus einem sehr kausalitätsbezogenen Denken kommt, tut man sich mit agilen Gedanken deutlich schwerer. 

–> In Folge II gehen wir der Frage nach, warum Agile ein Marathon ist. 

–> In Folge III erfahren Sie, vor welche Herausforderungen sich Unternehmen auf dem Weg zur agilen Organisation hinsichtlich des Mindsets und der Unternehmenskultur gestellt sehen.  

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Prof. Dr. Ayelt Komus ist Wirtschaftswissenschaftler und seit 2004 Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Koblenz. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Agile Methoden, Projekt- und Prozessmanagement und Social Media. Prof. Dr. Komus ist Initiator verschiedener Studien in Zusammenarbeit mit Organisationen wie der Gesellschaft für Prozessmanagement, der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) und Scrum.org. Er führte 2019/2020 zum vierten Mal die Studie Status Quo Agile durch, die mit mehr als 600 Teilnehmern die größte Studie zum Thema Agiles Projektmanagement im europäischen Raum ist. Er ist wissenschaftlicher Beirat bei Heupel Consultants. 

Thomas Heupel ist Geschäftsführer von Heupel Consultants und verfügt über mehr als 25 Jahre Beratungsexpertise in den Kompetenzfeldern Process-Excellence, IT-Excellence, Project-Excellence und Agile Excellence. Er hat einen Lehrauftrag u.a. für Organizational Change Management an der Hochschule Koblenz

Claudine Heinz ist freischaffende Kommunikationsberaterin und war über 20 Jahre in der Unternehmenskommunikation, u.a. bei Swisscom in Bern und CSL Behring in Marburg, tätig. Ihre Schwerpunkte sind Internal & HR Communications, Change Management, Employer Branding und Design Thinking.

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