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Eine Welt ohne Planung? Ein Interview.

Agiles Management revolutioniert Kooperation und Arbeit in Unternehmen. Führungskräfte orientieren sich fundamental um und nehmen Abschied vom „Anweisen“. Mitarbeiter erleben einen Motivationsschub. Kann das auf Dauer gut gehen? Wie sich Zusammenarbeit und Führung in Unternehmen verändern – dies erklärt der renommierte Experte und „Agilitäts-Papst“ Professor Ayelt Komus (Universität Koblenz).

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Herr Professor Komus, wir leben in der VUCA-Welt. Das Schlagwort beschreibt eine Welt voller Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität. Diese „neue Welt“ verändert auch die Arbeitsweise in Unternehmen. Weshalb?

Professor Ayelt Komus: In der VUCA-World ist eine sichere Prognose und Planung für einen längeren Zeitraum kaum mehr möglich. Statt langfristig im Detail zu planen, setzen immer mehr Unternehmen auf neue Prinzipien und Techniken, die helfen, auch in unsicheren und dynamischen Zeiten erfolgreich zu sein. Beispielsweise gehen Mitarbeiter in kleinen, nutzbringenden Schritten vor. Sie starten quasi laufend kleine Experimente, um zu prüfen, ob bestimmte Lösungsansätze funktionieren. Auf diese Weise kontrollieren und adaptieren Mitarbeiter permanent ihre eigene Arbeitsweise. Sie hinterfragen ihr Vorgehen, überprüfen Ergebnisse, lernen, werden besser und suchen nach neuen Möglichkeiten. Dies alles sind Eckpfeiler agilen Managements und der derzeit viel diskutierten Methoden wie etwa Scrum, Kanban oder Design Thinking.

Es gibt keinen sicheren Weg mehr zu den Arbeitsergebnissen, und die Mitarbeiter müssen mehr Verantwortung tragen. Dies dürfte Mitarbeiter belasten, manche auch überfordern ...

Eher im Gegenteil. Agiles Management ermöglicht Mitarbeitern ein ganz neues Selbstverständnis und Rollenbild. Bisher ging es häufig darum, umfangreiche Checklisten abzuarbeiten und sinnentleerte Statusberichte auszufüllen. Die Mehrzahl der Mitarbeiter sieht mit den neuen Methoden nun Ziele, die nachvollziehbar sind und sie motivieren. Nicht, dass es keinen Druck und keine Differenzen mehr gibt, aber Vieles ist auf einmal mit Sinn und Freiheiten verknüpft, wo vorher nur Aufgaben abgearbeitet wurden.

Welche Konsequenzen hat diese agile Arbeitsweise?

Mitarbeiter müssen lernen, Freiräume auszufüllen, unternehmerisch zu handeln, Erwartungen und Grenzen richtig einzuschätzen, zielführend zu kommunizieren und Rahmenvorgaben gemeinsam mit Führungskräften zu entwickeln. Der Lohn für diese Umstellung sind mehr Spaß und Sinn in der Arbeit. Die Arbeitsweise des agilen Managements hat in der Praxis schon vielen Mitarbeitern einen Weg zurück aus der inneren Kündigung ermöglicht und zugleich Unternehmen auch in Zeiten disruptiver Veränderungen produktiver und resilienter aufgestellt.

Dafür brauchen Unternehmen vermutlich auch Führungskräfte, die in diesen agilen Koordinatensystemen führen können. Bisher verstanden sich viele Führungskräfte als „Planer“ und „Anweiser“ ...

Wir werden zukünftig anders mit Plänen umgehen. Keine Frage, Pläne sind notwendig. Sie geben einen Rahmen. Aber in einer sich schnell verändernden Welt werden viele Pläne sehr schnell auf veralteten oder nicht haltbaren Annahmen und Prämissen beruhen. Führungskräfte müssen akzeptieren, dass Pläne immer wieder verändert und weiterentwickelt werden. Sie sollten Abschied nehmen von Plangläubigkeit, hierarchischem Führungsverständnis und Silodenken.

Wie wandelt sich die Führungspraxis?

Wir können diesen Wandel beschreiben als Entwicklung von klassischer Führung hin zur agilen Führung. Bislang waren Organisationen oft auf einen Command- and Control-Führungsansatz ausgerichtet. Jetzt geht es darum, Sinn, Leitplanken, Rückhalt und Entwicklungsmöglichkeiten aufzubauen und zu vermitteln. Darauf kommt es heute an. In diese Richtung sollten sich Führungskräfte entwickeln, damit sich ihre Unternehmen agil in der VUCA-World behaupten können.

Genießen Sie den (langsamsten) Tag Ihres Lebens!

Die Welt wandelt sich rasant. Wie können Unternehmen inmitten der Umbrüche bestehen? Nicht durch langfristige Strategien – sondern durch die hochflexible Arbeitsweise ihrer Mitarbeiter. „Agilitäts-Papst“ Professor Ayelt Komus erklärt, auf welche Erfolgsfaktoren es in der VUCA-World wirklich ankommt.

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Alles spricht von agilem Management. Mit agilem Management wollen Unternehmen die ungeheure Dynamik bewältigen. Pocht das Herz der Wirtschaft wirklich immer schneller?

Professor Ayelt Komus: Genießen Sie den heutigen Tag. Er wird der langsamste Ihres zukünftigen Lebens sein.

… im Ernst?!?

Ja! In Zukunft wird sich die Entwicklung immer weiter beschleunigen. Die technologische Entwicklung und Digitalisierung wird in der nächsten Zeit Branchen und Aufgabenfelder erreichen, in denen der Wandel heute noch nicht erkennbar ist. Innerhalb kürzester Zeit werden Märkte auf den Kopf gestellt und Branchen grundlegend verändert. Schauen Sie sich um! Heute hat der größte Anbieter von Übernachtungsleistungen keine eigenen Immobilien mehr, das größte Taxiunternehmen keine eigenen Fahrzeuge. Deutsche Automobilhersteller werden von Newcomern angegriffen, die die Digitalisierung in ihrer DNA haben.

Das heißt: Unternehmen müssen sich mit Produkten und Arbeitsweisen viel schneller auf Veränderungen einstellen können?

Ja. Agile Aktivitäten liefern Ergebnisse, die sich sehr schnell weiterentwickeln lassen, wenn sich Bedürfnisse und Märkte verändern. Die kontinuierliche Anpassung von Produkten und Dienstleistungen ist beim agilen Management mitgedacht. Zum Beispiel erreicht man bei agilen Vorgehensweisen die Ziele in kleinen, nutzbringenden Schritten. Die Mitarbeiter experimentieren viel, um zu prüfen, ob bestimmte Ansätze funktionieren. Wir haben es also mit einem permanenten „Inspect und Adapt“ der eigenen Arbeitsweise zu tun. Mitarbeiter hinterfragen ihre Arbeit kontinuierlich. Sie prüfen beispielsweise laufend, ob die Ergebnisse noch zum Kundenbedürfnis und zum Markt passen. Sie lernen ständig, verbessern sich und suchen nach neuen Möglichkeiten. Diese Eckpfeiler agilen Managements bilden die Basis der derzeit vieldiskutierten Methoden, wie Scrum, Kanban oder Design Thinking.

Bedeutet dies, dass Unternehmen von heute auf morgen umstellen auf agiles Management?

Nein. Wir werden auf mittlere Sicht nicht überall agile Vorgehensweisen nach Lehrbuch sehen. Aus unseren Studien wissen wir, dass meist eine Mischung agiler und klassischer Methoden vorherrscht. Das ist auch in Ordnung so. Wichtig aus meiner Sicht ist die permanente Weiterentwicklung und das Verständnis, dass dies ein fortlaufender Prozess ist.


>> Unsere Seminare und Beratungsangebote zum Thema Agilität finden Sie hier.

 

Ayelt Komus IMG 1245r3 ZUnser Experte und Kooperationspartner Professor Dr. Ayelt Komus

gilt als führender Experte für Agilität. Er befasst sich seit vielen Jahren mit den Chancen und Herausforderungen von Digitalisierung und agilen Methoden für Organisationen. Als Vordenker baut er Brücken zwischen Wissenschaft und Praxis, um agile Herangehensweisen für Organisationsentwicklung und Führung optimal einzusetzen.
Professor Dr. Ayelt Komus ist Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Koblenz und leitet das BPM-Labor für Business Process Management und Organizational Excellence. Er ist Initiator der „Praxiswerkstatt Agilität und Digitalisierung“, Co-Initiator der Modellfabrik Koblenz, des IT-Radars und des Praxisforums für BPM und ERP. Zudem hat er vielbeachtete Studien zu agilen Methoden initiiert, etwa „Agiles PMO“, „Erfolgsfaktoren Projektmanagement und Status Quo Agile“. Professor Dr. Ayelt Komus ist seit über zwanzig Jahren als Berater und Coach in den Feldern Prozess-, Projekt- und IT-Management tätig.


Herzlichst
Ihr Team von Neuland Development & Training


 

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